In Rafi Pitts Wettbewerbsbeitrag »Zeit des Zorns«
(»The Hunter«) (BRD/Iran 2010) spielt der Regisseur
selbst die Hauptrolle. Einen mürrischen Mann, der in Teheran
beim Wachschutz auf Nachtschicht arbeitet. In seiner Freizeit geht
er auf die Jagd. In einer Einstellung zielt er mit seinem
Jagdgewehr direkt in Kamera. Ein deutlicher Hinweis.
Zunächst wird der Film aber maßgeblich vom Stadtbild
Teherans bestimmt. Motivisch eingesetzte Totalen von gewaltigen
Stadtautobahnen (Einstellungen, die mich stark an die Bilder der
»freeways« von L.A. aus 70er-Jahre-Krimis erinnerten).
Oder auch Einstellungen vom einsamen Jäger mit seiner Knarre
im Vordergrund mit einem verschwommenen Panorama endloser
Häuserfassaden im Bildhintergrund.
Dazu hört man eine Soundlandschaft aus Straßenlärm,
Fragmente von politischen Diskussionen und Parolen in Radio und
Fernsehen im Vorfeld der letzten Präsidentschaftswahlen, dazu
Sprachfetzen der Parolen nächtlicher Demonstranten –
»Nieder mit der Diktatur«.
Der Mann lebt zusammen mit Frau und Kind in einem denkbar neutralen
Neubauviertel. Er sieht sie selten, da ständig auf
Nachtschicht. Geht er mit ihnen mal auf den Jahrmarkt, dann gleich
zum Schießstand (Knarre, Auto, Autobahn sind die Leitmotive).
An einem Abend kommen Frau und Tochter nicht nach Hause. Die
Polizei erklärt ihm, die Frau sei bei einem Schußwechsel
ums Leben gekommen, die Tochter verschollen. Es sei ein Unfall
gewesen, eine streunende Kugel, man wisse nicht genau, ob die Frau
von der Polizei oder von Aufrührern erschossen wurde. Es hat
also irgendwo in der Riesenmetropole Aufstände mit
Schußwechseln gegeben! Chaos!
Der Mann geht danach auf einen suizidalen Trip. Seine Version der
»surrealistischen Tat« (André Breton
bekanntlich: »Die einfachste surrealistische Tat besteht
darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu
gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu
schießen.«). Von seinen Jagdgründen am Stadtrand
bewegt sich der Mann zu einer Autobahnbrücke, wartet auf das
erste Polizeiauto und drückt gezielt ab. Und er ist ein guter
Schütze.
Die zweite Hälfte des Films ist dann ein parabolisches
Psychodrama mit zwei Polizisten (einer korrupt und über
Leichen gehend, der andere hilflos und paranoid) im Wald.
Auch diese zweite Hälfte kommt allerdings auf einen
Sniper-Scherz hinaus, der dem Schluß von George A. Romeros
Zombie-Klassiker »Night of the living dead« nicht
unverwandt ist. Hat das nun politische Implikationen?
Das Abgründige von »Tage des Zorns« liegt weniger
in der politisch-kritischen Verrätselung, in den
möglichen Bedeutungen möglicher allegorischer
Sichtweisen, sondern in den Unmittelbarkeiten der erwähnten
Soundlandschaft: Kurz bevor der Jäger von der Polizei gejagt
wird, steht er am Strand und sieht am Horizont einen Hubschrauber.
Der Hubschrauber kommt näher, schwebt über ihm. Er
weiß nun, daß er von der Polizei verfolgt wird. Das
Gefühl der Verfolgung wird dabei natürlich vom Lärm
des Hubschraubers verstärkt. Der Hubschraubersound ist das
Wesentliche, ein immer abstrakter werdendes Grundrauschen, ein
Realitätseffekt des Unheimlichen.
Dieser Hubschrauberlärm ist ein Geräusch, das – in
der Terminologie des Filmtheoretikers Michel Chion – an der
Grenze von einem »visualisierten« (bei dem der
Zuschauer die Geräuschquelle sieht bzw. kennt) zu einem
»akusmatischen« Sound (keine erkennbare
Geräuschquelle) anzusiedeln ist. Auf einer anderen Ebene
betrifft das dann die Grenze zwischen einer konkreten Verfolgung
(die auch politischer Natur sein kann) und dem abstrakten
Unheimlichen, der politischen wie psychologischen Ambivalenz.
Benjamin Heisenbergs Wettbewerbsbeitrag »Der
Räuber« hat damit nicht nur thematische
Ähnlichkeiten– ein gesuchter Krimineller wechselt vom
Jagen zum Gejagtwerden –, sondern auch ähnliche
Soundeffekte, Autobahngeräusche, Hubschrauber.
Das Wesentliche des Sounds ist an einer Stelle dann auch Gegenstand
direkter filmischer Selbstreflexion. Die Titelfigur befindet sich
im Kino. Man sieht nicht, was er sieht. Aber man hört, was er
hört – den Sound einer Autoverfolgungsjagd aus
irgendeinem Actionfilm. Und ähnliche Sounds bestimmen dann
auch die Filmhandlung gegen Ende mehr und mehr. Die unheimlichen
Soundlandschaften sehr einsamer Aufrührer. In Teheran wie in
Wien.